Pascal Robert

Soundwork

“Past Beyond Tomorrow”, 2010, soundwork, stereo,  13min. 45 sec. Extract (5min 30 sec)

Sound work by Pascal Robert in collaboration with Luca Tschanz
Concept and artistic supervision: Pascal Robert
Sound engineering and post-production: Luca Tschanz (Basel)
Voices: Michael Pohl (Berlin), Luca Tschanz (Basel) and Pascal Robert


Past Beyond Tomorrow (Vergangenheit jenseits von morgen):

Ich weiss nicht, wer mich in die Welt gesetzt hat, noch was die Welt ist, noch was ich selber bin; ich bin in einer schrecklichen Ungewissheit über alle Dinge; ich weiss nicht, was das ist: mein Leib, meine Sinne, meine Seele und selbst jener Teil von mir, der denkt, was ich sage, der über alles und über sich selbst nachdenkt und sich nicht besser erkennt als das Übrige.

Die Dinge haben verschiedene Eigenschaften, und die Seele hat verschiedene Neigungen; denn nichts von dem, was sich der Seele darbietet, ist einfach, und niemals bietet sich die Seele irgendeinem Gegenstand einfach dar.

Wir suchen niemals die Dinge, sondern die Suche nach den Dingen (flüstern).

Ich glaube, ich muss dir erklären, was für ein Mensch ich bin. Ich bin ein gründlicher Mensch. Ich habe es gern, wenn etwas geleistet wird, und gut geleistet wird. Ich mag keine Unentschlossenheit. Ich mag keine Nachsicht. Ich mag keine Zweifel. Ich mag keine Ungenauigkeit. Ich mag Klarheit. Klare Absichten. Präzise Ausführung.

Erkennen wir daher unsere wahre Reichweite? Wir sind etwas und sind nicht alles; das, was wir an Sein haben, beraubt uns der Erkenntnis der ersten Prinzipien, die dem Nichts entwachsen; und das Wenige an Sein, das wir haben, verdeckt uns den Anblick des Unendlichen.

Ein Nichts im Hinblick auf das Unendliche, ein Alles im Hinblick auf das Nichts, eine Mitte zwischen Nichts und Allem. Unendlich entfernt davon, die Extreme zu begreifen, sind uns das Ende der Dinge und ihr Ursprung unüberwindlich verborgen in einem undurchdringlichen Geheimnis; wir sind gleichermassen unfähig, das Nichts zu sehen, aus dem wir gezogen sind und das Unendliche, in das wir verschlungen sind.

Glauben sie, dass die Biografie, die ein Individuum nun einmal hat, verbindlich ist, Ausdruck einer Zwangsläufigkeit, oder aber: ich könnte je nach Zufall auch eine ziemlich andere Biografie haben, und die man eines Tages hat, die unsere Biografie mit allen Daten,  sie braucht nicht einmal die wahrscheinlichste zu sein: sie ist nur eine mögliche, eine von vielen, die ebenso möglich wären unter denselben gesellschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen und mit derselben Anlage der Person. Was also kann, so gesehen, eine Biografie überhaupt besagen?

Eben tun und leiden, das sind zwei Prinzipien, die sich weiter fortpflanzen (flüstern).

Aristoteles besagt, dass die Seele der Hand gleicht, wie die Hand das Werkzeug aller Werkzeuge ist.

Die Unsterblichkeit der Seele ist etwas, das uns so sehr angeht, das uns so tief berührt, dass man jedes Gefühl verloren haben muss, wenn es einem gleichgültig ist, zu wissen, was es damit auf sich hat. All unsere Handlungen und unsere Gedanken müssen derart verschiedene Wege einschlagen, dass es unmöglich ist, mit Sinn und Urteil einen Schritt zu tun, ohne ihn durch die Sicht auf jenen Punkt zu bestimmen, der unser letztes Ziel sein soll.

Wer sie so betrachten wird, wird vor sicht selber erschrecken, und wenn er sich in der Masse, die die Natur ihm gegeben hat, zwischen diesen beiden Abgründen des Unendlichen und des Nichts, gehalten sieht, wird er im Anblick dieser Wunder erzittern.

Was uns bleibt ist die Poesie. Verzweifelt über das Unmögliche seiner Existenz, wobei dieses Unmögliche sich nicht als metaphysisches Gewitter, sondern als Langeweile manifestiert.

Nun ist die einzige Frage, wie der Durchbruch geschehen kann?

Tod oder Kapitulation, Tragödie oder Komödie (flüstern).

Nichts hält für uns an. Das ist der Zustand, der uns natürlich ist und gleichwohl unserer Neigung zuhöchst widerstreitet. Wir brennen vor Begier, einen festen Stand und eine letzte, beständige Grundlage zu finden, um darauf einen Turm zu erbauen, der sich ins Unendliche erhebe; aber unser Fundament birst, und die Erde öffnet sich.

Ich finde mich an eine Ecke dieses weiten Raumes gebunden, ohne dass ich wüsste, warum ich eher an diesen als an einen anderen Ort gestellt bin, noch warum dies Wenige an Zeit, das mir zum Leben gegeben ist, mir eher an diesem als an einem anderen Punkte der ganzen Ewigkeit zugewiesen ist, die mir vorhergegangen ist, und jener ganzen, die mir folgt. Ich sehe von allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich umschliessen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert.

Am Ende des 14. Jahrhunderts, in der Renaissance, bricht die verstandesmässige Betrachtung der Welt mit ungeheurer Kraft in den Raum hinein und verändert alles, auch das Denken und Empfinden über den Menschen, der erstmals als ein Subjekt gedacht wird. In den Bildwerken dieser Zeit steht der Mensch perspektivisch in den Massverhältnissen des Landschafts- und Stadtraumes. Auch psychisch ist er perspektivisch angelegt, das Gesicht hat Fluchtlinien, die, nach innen gezogen, sich in der Seele des geistigen Individuums treffen. Die Augen, die selbstbewusst aus den Bildern schauen, sind die Fenster in das eigene Dunkle. Aber nicht nur das Gesicht ist zur Seelenlandschaft geworden, auch die Hände sind sprechende Gliedmassen. Das mechanische Greifen und das formlose Ruhen der Hand sind über ihren hochstmöglichen Ausdruck hinaus, zum Ort aller Empfindungen geworden.

Alles was man Aussenwelt nennt gegenüber dem Gedanken (flüstern).

Mit meinem persönlichen Tod ist es dasselbe. Meinen persönlichen Tod nehme ich nicht anders als den Vorgang meiner persönlichen Geburt: Dass ich eingebettet bin in meinen Durchgang durch die Dinge, die ich zu leisten habe, die ich selbst als Mensch beigesteuert habe an die Weltentwicklung.

Alle Begriffe und Worte, die sich in der Vergangenheit durch das Wechselspiel zwischen der Welt und uns selbst gebildet haben, sind hinsichtlich ihrer Bedeutung wohl nicht wirklich.

Wie ich nicht weiss, woher ich komme, so weiss ich auch nicht, wohin ich gehe; und ich wiess nur, dass ich, wenn ich aus dieser Welt gehe, für immer in das Nichts falle.

Entsetzlich ist es nur zu spüren, wie alles, was man besitzt, zerrinnt (flüstern).

Wir haben uns in dieser Geschichte alle getäuscht. Natürlich hab ich geglaubt, was alle geglaubt haben, damals. Ich bin nicht schuld. Das ist alles, was ich nach Jahr und Tag dazu sagen kann. Ich bin nicht schuld an der Vergangenheit jenseits von morgen.

Text citations taken from:

Aristoteles, Joseph Beuys, Michel Foucault, Max Frisch, Nelson Goodman, Anatol Herzfeld, Blaise Pascal, Rainer Maria Rilke, Pascal Robert

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